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 |  |  |  | Kall, 12. Januar 2007 |
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Kall - Im Pfarrheim war es mucksmäuschenstill, den Zuhörern lief ein kalter Schauer über den Rücken, als der Kaller Zahnarzt Dr. Hans Unland diese Woche von dem Säugling erzählte, der auf einer Müllkippe in Managua von einer Planierraupe überfahren und getötet worden war. Auf der Ladefläche eines Mülltransporters war das tote Baby dann weggeschafft worden, weil der Fahrer seine Fahrerkabine nicht mit Blut verschmutzen wollte.
Etwa 8000 Menschen leben, von keiner Statistik erfasst, auf dieser Müllkippe zwischen Gestank und brennenden Abfällen. Die Ärmsten der Armen existieren quasi gar nicht. Die Müllmenschen von Managua, so Dr. Hans Unland, haben auf der Kippe eine Lebenserwartung von maximal 30 Jahren. Recht und Ordnung oder gar Polizeipräsenz gebe es dort nicht. Der Mediziner: „Dort herrscht das Gesetz des Stärkeren“.
Über zwei Stunden lang lauschten knapp 150 Besucher dem Vortrag des 63-jährigen Arztes. Unland hat bis 2002 in seiner Zahnarztpraxis in Schleiden praktiziert und nach seinem Eintritt in den Ruhestand die Arbeit bei der Hilfsorganisation „Ärzte für die Dritte Welt“ aufgenommen.
Schon vier Mal war der Kaller Dentist jeweils sechs Wochen lang in übervölkerten Slums der Dritten Welt unterwegs, um die Not der Menschen dort etwas zu lindern. Zwei Mal weilte Unland in Mindanao auf den Philippinen, zwei Mal im Gebiet „Ciudad Sandino“ in Nicaragua, einer der ärmsten Regionen in Lateinamerika. 150 000 Menschen leben in diesem Barrio (Slum) weit unterhalb der Armutsgrenze.
„Wir können dort nicht die Welt verbessern, aber Hilfe leisten und Schmerzen lindern“, berichtete Dr. Hans Unland im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Angesichts der ungerechten Verteilung der Ressourcen sei „Handeln statt Schimpfen“ angesagt. Er habe stets das chinesische Sprichwort im Hinterkopf: „Es ist besser, ein kleines Licht anzuzünden, als über die Dunkelheit zu schimpfen.“ Und weil sich Hans Unland auch mit 63 Jahren noch gesundheitlich fit fühlt, empfindet er die Arbeit für die Armen, die in den menschenunwürdigen Slums wohnen, als „schöne Sache“.
Sein vierter Auslandseinsatz führte den Kaller Zahnarzt vom 29. Oktober bis zum 9. Dezember nach Nicaragua, wo er erneut „auf brutale Art und Weise“ mit der Armut konfrontiert wurde. Unland: „Es fällt schon schwer, mit ansehen zu müssen, wie Mütter im Müll nach Nahrung für ihre Kinder suchen“. Viele Menschen leben dort nur von dem, was die Müllkippen hergeben.
Von einer festen Basisstation ging es jeden Tag in ein anderes Dorf, wo bis zu 90 Patienten behandelt wurden. Dabei arbeitete Unland zusammen mit zwei deutschen Allgemeinmediziner, einer einheimischer Krankenschwester und einer Hebamme mit einfachem Material „aus dem Koffer“. Strom gibt es keinen, Wasser nur ganz selten. Unland: „Keiner opfert dort gern das Wasser, das er mühsam und zu Fuß aus einem 25 Kilometer entfernten Brunnen heran geschafft hat.“
Ebenso große Entfernungen legen die Menschen in Nicaragua auch zurück, um zur Behandlung in die Hilfsstationen der Dörfer zu kommen. Nur über die Dorfältesten, die über Funkgeräte Kontakt zur Außenwelt haben, erfahren die weit verstreut wohnenden Menschen, wenn die „Medicos Alemanes“ ins Dorf kommen. Verständigen können sich die Ärzte nur mit Spanisch.
Sechs Wochen lang waren Hans Unland und seine vier Mitstreiter in einem Pickup unterwegs, auf dessen Ladefläche das gesamte Equipment verstaut war. „Das Erreichen der Dörfer war dabei mit größten Hindernissen verbunden, denn feste Wege gibt es dort nicht“, berichtet Unland. In der Regenzeit sei das Befahren von rutschigen Bergstraßen in 1200 Meter hoch gelegene ziemlich gefährlich.
„Das ganze Leben spielt sich auf der Straße ab, wo stinkende Abwässer das Bild bestimmen“, beschrieb Dr. Unland die Lebensweise der Familien, für die es keinerlei Perspektiven gibt. Und so findet auch die Behandlung der Patienten auf der Straße statt. 50 Prozent der Menschen sind jünger als 15 Jahre, viele von ihnen leiden unter schweren Behinderungen. Dr. Hans Unland präsentierte den Besuchern beim Vortrag im Pfarrheim auch einige Schützlinge, deren Not durch Spenden aus Kall etwas gemildert werden. Es sind zwei Kinder, deren Vater unheilbar krank ist, und die mit Hilfe aus der Eifel eine Schulausbildung bekommen. Im zweiten Fall handelt es sich um einen Mann, dessen Beine nach einem Unfall völlig verkrüppelt sind und um den sich im Slum niemand gekümmert hatte. Mit Hilfe von Spenden aus Kall konnte der Mann vom Komitee „Ärzte für die Dritte Welt“ vor dem sicheren Tod gerettet und in ein Heim gebracht werden.
Alle Helfer der Organisation kämen jedes Mal mit einer „Infektion“ von den Einsätzen in den Notstandsgebieten zurück: Sie alle seien mit dem positiven „Helfersyndrom“ infiziert. Wer das Elend dort einmal gesehen habe, müsse immer wieder dahin. Unland: „Und wenn auch nur einem Menschen geholfen worden ist, hat sich der Einsatz gelohnt“.
www.aerzte3welt.de
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