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Kall, 14. September 2009
„Merkel verkrampft unter Stress“
unabhängige Analyse: Steinmeier Sieger des TV-Duell
Kölner Stadtanzeiger Erstellt 14.09.09, 14:35h

Der Kanzler-Kandidat der SPD überzeugt Experten und bisher Unentschiedene
Herr Sollmann, Kanzlerin Angela Merkel und SPD-Kandidat Frank-Walter Steinmeier sind eher harmonisch miteinander umgegangen. War das TV-Duell ein solches – oder eher ein nettes Kaffeekränzchen?

Steinmeier stand vor einer schwierigen Herausforderung, die er gut bewältigt hat. Er musste die Kanzlerin, die sich selbst dem Wahlkampf bisher weitgehend entzogen hat, inhaltlich stellen. Dabei stand er unter dem Druck zu punkten, ohne die Kanzlerin dabei allzu konfrontativ angehen zu können. Denn das hätten die Menschen nach vier Jahren großer Koalition nicht verstanden. Außerdem hätte es beim Wähler automatisch Schutzinstinkte für die Kanzlerin geweckt.


Klingt nach der Quadratur des Kreises. Wie ist Steinmeier da vorgegangen?

Stellen wir uns Merkel und Steinmeier wie ein altes Ehepaar vor, das beim Familienberater sitzt. Oder auch beim Anwalt, um über die anvisierte Scheidung zu reden. Steinmeier hat sich geschickt gezeigt im Umgang mit dieser hinzugezogenen Instanz, in diesem Fall den vier Moderatoren. Der SPD-Kandidat hat sich zwar klar positioniert, den wirklich konfrontativen Part dabei aber mehr den Journalisten überlassen. Im Zwiegespräch mit ihnen hat er beharrlich immer wieder Nachfragen an Merkel ausgelöst. Steinmeier hat geschickt über Bande gespielt.


Herr Sollmann, Kanzlerin Angela Merkel und SPD-Kandidat Frank-Walter Steinmeier sind eher harmonisch miteinander umgegangen. War das TV-Duell ein solches – oder eher ein nettes Kaffeekränzchen?

Steinmeier stand vor einer schwierigen Herausforderung, die er gut bewältigt hat. Er musste die Kanzlerin, die sich selbst dem Wahlkampf bisher weitgehend entzogen hat, inhaltlich stellen. Dabei stand er unter dem Druck zu punkten, ohne die Kanzlerin dabei allzu konfrontativ angehen zu können. Denn das hätten die Menschen nach vier Jahren großer Koalition nicht verstanden. Außerdem hätte es beim Wähler automatisch Schutzinstinkte für die Kanzlerin geweckt.


Klingt nach der Quadratur des Kreises. Wie ist Steinmeier da vorgegangen?

Stellen wir uns Merkel und Steinmeier wie ein altes Ehepaar vor, das beim Familienberater sitzt. Oder auch beim Anwalt, um über die anvisierte Scheidung zu reden. Steinmeier hat sich geschickt gezeigt im Umgang mit dieser hinzugezogenen Instanz, in diesem Fall den vier Moderatoren. Der SPD-Kandidat hat sich zwar klar positioniert, den wirklich konfrontativen Part dabei aber mehr den Journalisten überlassen. Im Zwiegespräch mit ihnen hat er beharrlich immer wieder Nachfragen an Merkel ausgelöst. Steinmeier hat geschickt über Bande gespielt.



Hätte er – angesichts des Formats TV-Duell – mit Merkel nicht mehr in direkten Kontakt treten müssen?

Das hat er durchaus getan: körpersprachlich. Dabei war er viel lockerer und souveräner als die Kanzlerin. Er hat ihr in die Augen gesehen, stand häufig mit einer offenen Körperhaltung im Raum. Merkel hat ihm dagegen nicht ins Gesicht geschaut, und das kommt in einer solchen Situation weder freundlich noch selbstbewusst herüber. Ihre Statements hat sie gut bewältigt. Aber wenn sie nicht mit Reden dran war, konnte man deutlich sehen, wie angespannt sie ist. Merkel verkrampft unter Stress. Wie sehr der Stress ihr zusetzt, ließ sich diesmal ebenso erkennen wie im Jahr 2005 im Duell gegen Gerhard Schröder.


Als es um die Frage der Steuersenkungen ging, hat Steinmeier die Initiative übernommen und vorgerechnet, dass die Vorschläge von CDU, CSU und FDP aus Wirtschaftswachstum realistisch nicht finanzierbar sind.

Da hatte er einen sehr starken Moment. Steinmeier hat sich insgesamt als aktiver und beweglicher erwiesen, während Merkel sich durchgehend darauf beschränkt hat, Journalisten-Fragen zu beantworten. Das bewältigt sie sehr gut. Aber sie geht nicht selbst nach vorn. In der Szene wird aber auch wieder die ausgewogene Strategie Steinmeiers deutlich: Er benennt klar einen Sachverhalt, springt dabei aber nicht Frau Merkel persönlich ins Gesicht. Steinmeier sagt, dass das Steuerkonzept der Union so nicht finanzierbar ist. Er sagt nicht: „Frau Merkel, Sie belügen in einer unerträglichen Art und Weise die Wähler.“

Zu viel Wattebausch kann auch als Schwäche ausgelegt werden. Steinmeier hat sich von den Journalisten viel häufiger unterbrechen lassen als die Kanzlerin. Konnte er sich da nicht richtig durchsetzen?

Es ist eher ein Zeichen von Kommunikationsstärke, wenn jemand seinen Satz bei einer Unterbrechung zwar noch zu Ende bringt – sich dann aber auch rasch auf eine Rückfrage einlässt. Steinmeier hat sich also richtig verhalten. Merkel hat ja praktisch jedes Mal gesagt, sie lasse keine Interventionen zu, bis sie nicht abgeschlossen habe, was sie sagen wollte. Selbstbewusstsein sieht anders aus.


Wie also ist ihre Gesamtbewertung des Duells? Und was raten Sie den Kanzlerin und dem Herausforderer nun?

Steinmeier hat das TV-Duell für sich entschieden. Zum einen, weil er in der konkreten Situation besser zurechtkam. Zum anderen, weil ihm diesen Auftritt viele sicher nicht zugetraut hätten. Da wirkt der Überraschungseffekt für ihn. Ein Kantersieg war es sicher nicht, aber das Duell kann eine positive Wirkung für ihn entwickeln. Steinmeier muss nun versuchen, diese Energie aufzunehmen und nicht in seinen alten Trott zurückzufallen. Angela Merkel muss sich selbst halt sagen: „Schwamm drüber.“


Und dann?

Dann wird sie wohl weiter machen wie bisher. Das ist auch alles andere als dumm von ihr. Denn abgesehen vom TV-Duell ist ihre Strategie, der Auseinandersetzung auszuweichen, bislang voll aufgegangen.

Das Gespräch führte Tobias Peter.

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