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Kall, 25. April 2010
Arbeiterkinder werden vom NRW-Bildungssystem ausgegrenzt
„Akademiker reproduzieren sich“
Von Kerstin Meier im Kölner Stadtanzeiger, 23.04.10

Studiengebühren schrecken Arbeiterkinder ab
Welche Auswirkungen haben die Studiengebühren? Was für Chancen haben Arbeiterkinder an Universitäten? Wie viel Geld braucht der Durchschnittsstudent - und woher bekommt er es? Über diese Fragen wird viel diskutiert, oft fehlte bislang aber eine solide Datengrundlage. Denn die letzte große Untersuchung des Deutschen Studentenwerks stammt aus dem Jahr 2007, das heißt, die Daten wurden 2006 erhoben. In der Zwischenzeit ist eine Menge passiert: Viele Länder haben Studiengebühren eingeführt, einige haben sie sogar schon wieder abgeschafft. Und - mindestens ebenso schwerwiegend - die gesamte Studienstruktur hat sich verändert. Magister und Diplom laufen aus, stattdessen gibt es Bachelor und Master.

Was das für die Gesellschaft bedeutet, wurde nun erstmals in der aktuellen Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks zur wirtschaftlichen und sozialen Lage der Studierenden untersucht. Ein Ergebnis: Beinahe jeder zweite Student zahlt Gebühren - meistens kommt die Studierenden aber nicht selber für das Geld auf, sondern ihre Eltern. Diejenigen, bei denen die Eltern nicht einspringen, jobben lieber mehr, als dass sie ein Darlehen aufnähmen. Das führt dazu, dass Studierende aus der niedrigen sozialen Herkunftsgruppe mehr arbeiten müssen als ihre Kommilitonen aus der „hohen Herkunftsgruppe“, für die die Eltern in der Regel die Gebühren bezahlen. „Man kann sagen: Schafft es ein Kind - trotz Selektion im Schulsystem - als einziges aus einer bildungsfernen und einkommensschwächeren Familie an die Hochschule, dann steht es schon wieder vor einer neuen Hürde!“, schlussfolgert Rolf Dobischat, Präsident des Deutschen Studentenwerks.

Wer bei Studentenleben immer noch an Ausschlafen bis Mittags denkt, dem bietet sich in der Sozialerhebung ein gänzlich anderes Bild: Bachelor-Studierende an Fachhochschulen haben mit Studium und Nebenjob eine 44-Stunden-Woche, an der Universität ist es eine Stunde weniger.

Besser bekannt ist die Tatsache, dass es sehr stark von der sozialen Herkunft abhängt, ob jemand studiert. Diesen Trend bestätigt auch die aktuelle Sozialerhebung. 59 Prozent aller Studenten kommen aus gehobenen oder gut verdienenden Schichten. Von 100 Akademiker-Kindern studieren 71. Von 100 Kindern, deren Eltern nicht studiert haben, kommen nur 24 an eine Hochschule.

„Die Hochschulen mögen einigen den Bildungsaufstieg ermöglichen. Noch stärker aber sichern sie den akademischen Status der nachfolgenden Generation ab“, sagt Dobischat: „Weniger wissenschaftlich ausgedrückt: Die Akademiker reproduzieren sich selbst.“ Die grundlegende soziale Selektion im deutschen Hochschulsystem sei erschreckend stabil. Anders als erwartet, ziehen die neuen Bachelor- und Master Studiengänge nicht mehr Schulabgänger aus hochschulfernen Familien an.

Diese Zahlen belegen ein großes soziales Ungleichgewicht - auch wenn der Anteil der Arbeiterkinder unter den Studierenden im vergangenen Jahr von 13 auf 15 Prozent leicht gestiegen ist. „Der Raum für Bildungsaufstieg nimmt zu“, sagt der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesbildungsministerium, Thomas Rachel. Außerdem hob er positiv hervor, dass Studiengebühren offensichtlich keinen deutlichen Einfluss auf die Wahl des Studienortes hätten: „Eine so genannte Gebührenflucht findet nicht statt.“ „Der fzs fordert die Bundesregierung auf, ihr bildungs- und sozialpolitisches Scheitern einzugestehen und sich mit Lösungsansätzen zu beschäftigen, anstatt sich selbst zu beweihräuchern“, kommentierte Florian Kaiser vom „Freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften“ (fzs) Rachels Ausführungen.

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